Meine Erfahrung mit Crowdfunding

Das Projekt "Steigerl"

Die Idee

Im Sommer 2014 reifte in uns die Idee, eine Lebensmittelgeschäft mit regionalen, biologischen Produkten zu eröffnen. Dabei lag unsere Anforderung bei einem Vollsortiment (das heißt, dass alle Produkte des täglichen Bedarfs bei uns zu finden sein sollten). Zugleich wollten wir den Produktkreislauf speziell bei kurz haltbaren Produkten (Molkereiprodukte, frisches Obst und Gemüse, Brot und Backwaren, ...) ankurbeln und diese in der eigenen Küche zum einen für ein Mittagessen zubereiten (also auch einen gastronomischen Anteil führen) und zum anderen auch für Eigenprodukte (Marmeladen, Chutneys, Säfte, Sirupe, Suppen, ...) weiter verarbeiten.

Wir malten uns ein Bild aus, wie das Geschäft sein sollte, wie es ungefähr aussehen muss und was uns dabei wichtig war.
Ich hatte zum Glück ein paar Bekannte, die bereits ein ähnliches Geschäft führen und konnte diese Menschen soweit für mich gewinnen, dass ich sehr viel Information und auch interne Zahlen erfragen konnte. Dies war für uns deshalb auch sehr wichtig, da wir beide (Maria und ich) über keinerlei Erfahrung in diesem Handelssegment verfügten. Somit wollten wir den Sprung ins kalte Wasser ein wenig "vorwärmen".

Bereits ab diesem Zeitpunkt sprachen wir mit unseren Freunden, Bekannten und Geschäftspartnern - eigentlich mit fast allen Menschen, die wir kannten - über unsere Idee und holten uns Feedback und Zustimmung ein, beantworteten kritische Fragen und konnten somit unseren Blickpunkt auf unsere Idee stark erweitern.
Wir fragten nach möglichen Lieferanten und nach den Produkten, die auf keinen Fall fehlen sollten und haben uns für einen Standort (Gleisdorf) entschieden.

Die Kalkulation und Crowdfunding als Möglichkeit

Dann begannen die Rechnereien. Was würde uns die Einrichtung des Geschäftes kosten, welches Mietobjekt käme in Frage (Innenstadt-Kern und höhere Kosten versus etwas abgelegen und dafür günstiger), welche Umsätze werden benötigt, welche Personalstruktur ist sinnvoll und leistbar, ...

Rasch ergab sich ein Investitionsbedarf von über EUR 100.000 und somit bereits die erste größere Hürde: woher sollten wir das Kapital nehmen? Das erste Gespräch mit unserer Hausbank war ernüchternd und somit kam ich auf die Idee, Crowdfunding für unsere Geschäftsidee zu nutzen.

Theoretisch wusste ich über dieses Thema sehr gut Bescheid, im Detail und in der praktischen Umsetzung hatte ich noch Lücken. Also überlegten wir grundlegend zuerst, welche Crowdfunding-Form für unsere Idee sinnvoll wäre.

Die Crowdfunding-Entscheidung

Eine Beteiligung an einem Lebensmittelgeschäft (also die Varianten Investing) schied recht rasch aus, da nach Abzug aller Ausgaben der Bilanzgewinn einer kleinen Greißlerei wohl nicht allzu hoch ausfallen würde und somit wenig Interesse von Seiten möglicher Investoren zu erwarten sei.

Bereits hier hatte ich - im Nachhinein betrachtet - meinen ersten kleinen Denkfehler. Meine Erfahrung nach einigen Crowdfunding-Projekten, die ich entweder selbst begleitet habe oder deren Umsetzung ich gut beobachten konnte, zeigt, dass nicht rein der monetäre Vorteil für Investitionsentscheidungen ausschlaggebend ist.

Schlussendlich haben wir uns damals für die Variante Lending (also nachrangige Darlehen, die wir zurückbezahlen) entschieden. Diese sollten nicht nur in Cash erfolgen, sondern auch in Form von Gutscheinen für das Geschäft ausgehändigt werden. Auch dabei konnte ich im Nachhinein eine wichtige Erfahrung machen: wenn Gutscheine angeboten werden, das Geschäft aber noch nicht besteht (als Start-Up), muss für die Anleger ganz klar erkennbar sein, zu welchen Preisstrukturen sie welche Produkte kaufen können. Sonst wird die Zurückhaltung aufgrund der Ungewissheit recht hoch sein. Zudem ist auch das Einzugsgebiet entscheidend, da Gutscheine ja im Geschäft selbst einzulösen sind.

Nachdem zum damaligen Zeitpunkt keine der heimischen Crowdfunding-Plattformen die Darlehensvariante angeboten hat, entschlossen wir uns dazu, die Kampagne selbst zur Gänze durchzuführen. Ich wusste, dass mir dieses Erfahrung auch für meine Unternehmensberatung sehr wertvoll sein würde.

Der Start unserer Crowdfunding-Kampagne

Es war nun schon Mitte Oktober und wir wollten unbedingt im Frühling das Geschäft eröffnen - unter anderem auch, weil dann das Obst- und Gemüseregal bereits mit heimischen Produkten gut ausgestattet werden kann. Somit galt es, rasch zu handeln. Ein Mietobjekt wurde gefunden und die Vermieterin war mit uns im Wort, bis Dezember auf unsere Zusage zu warten (wir hatten ja noch kein Gefühl dafür, ob Crowdfunding funktionieren würde und wir das notwendige Kapital zusammenbringen können). Um dafür schnell ein Gefühl entwickeln zu können, musste die Kampagne rasch starten. Doch was würden wir dafür brauchen?

Marketing-Unterlagen, Fotos, Businessplan, PR und Öffentlichkeitsarbeit, eine Start-Veranstaltung, ...
Zum Glück konnte ich selbst einiges davon erarbeiten und hatte gut befreundete Kooperationspartner, die flexibel und schnell auf unsere Anforderungen eingehen konnten. Von da an ging alles ganz schnell. Die Einladungsliste wurde erstellt, Einladungen designed, gedruckt und ausgeteilt. Am 06. November hielten wir ein Foto-Shooting ab, um die notwendigen Bilder zu erstellen. Die PR wurde mit einer Freundin auf die Beine gestellt, die Unterlagen und ein Prospekt wurden kreiert und kurz vor unserem Kampagnenstart gedruckt.

Die Crowdfunding-Launch-Party

Mit den frischen Drucksorten wurde am 12. November der Kampagnenstart mit einer Launch-Party in Gleisdorf eingeleitet. Rund  60 Menschen folgten unserer Einladung und nach dem erfolgreichen und lustigen Abend konnten bereits Investitionen von über EUR 10.000,- gesammelt werden.

Zeitgleich ging damals unsere Facebook-Fanpage und unsere Website online. Auf beiden Kanälen informierten wir öffentlich über unser Vorhaben. In einem gesperrten Bereich der Homepage konnten sich Interessierte Menschen ein genaueres Bild von unserer Idee machen, Zahlen einsehen und ihre Investitionsangebote abgeben. Die Medien schrieben aufgrund hervorragender PR-Arbeit (danke an meine Freundin Mag. Andrea Pavlovec-Meixner) umfangreich und so traten auch viele unbekannte Menschen an uns heran. In vier Wochen kamen so bereits knapp EUR 30.000,- und wir konnten Mitte Dezember unserer Vermieterin die Zusage erteilen. Obwohl wir wussten, schlussendlich das dreifache der Summe zu benötigen, schien das Projekt unaufhaltsam.

Mitte Jänner veranstalteten wir den "Tag der offenen Baustelle", um unseren bisherigen Investoren die Geschäftsräumlichkeiten zu zeigen, und um neuen Investoren zu finden - stets begleitet durch Ankündigungen in diversen Tages- und Wochenzeitungen der Region, Homepage und Facebook, eMail-Aussendungen und mündlicher Weitergabe.

Umbau, Einrichtung, Eröffnung

Ende Jänner 2015 stand nun die endgültige Kalkulation, da wir auch einige Maßnahmen am Gebäude selbst zu finanzieren hatten. Nun reichten wir eine Förderung (SFG, Nahversorgung) ein, damit im Anschluss die lokalen Firmen mit der Umsetzung beauftragt werden konnten.

Ende Februar begannen die Arbeiten, die zuerst nur noch ein größeres Chaos auf der Baustelle verursachten, aber nach und nach eine erkennbare Gestaltung annahmen. Einige Freunde und Geschäftspartner boten uns an, unentgeltlich für einen Tag für uns zur Verfügung zu stehen, wofür wir sehr dankbar waren. Ende März kamen die ersten Bestellungen bei uns an und mussten rasch eingeräumt, das Kassensystem angepasst und eingerichtet werden.
Am Abend des 1. April 2015 wurde die inoffizielle Eröffnung mit Freunden, Investoren und Vertretern der Stadt Gleisdorf gefeiert. Die ersten Gäste kamen bereits beim Haupteingang herein, während die letzten Arbeiter das Geschäft hinten verließen. Mit 3. April hatten wir dann offiziell geöffnet.

Aufgrund der guten PR hatten wir dann sogar noch eine Anfrage vom ORF Steiermark - Grundners Kulinarium. Im Juni war Drehtag - es war ein großer Spaß für alle Beteiligten.

Mehr zum Steigerl unter www.steigerl.at

Ergänzung Fazit

Ich wurde aufgrund des Blogartikels noch gebeten, ein Fazit zum Thema Crowdfunding und den aktuellen Status beim Steigerl zu ergänzen - was ich hiermit gerne mache:

Crowdfunding - ja oder nein? Ein klares JA - weshalb:

Crowdfunding ist weit mehr als nur ein Finanzierungsinstrument (sehen Sie dazu meinen Blogartikel) und kann im Sinne eines Geschäftsaufbaus für viele Dinge genutzt werden. 

Wesentlich ist dabei, worum es sich bei Ihrer Geschäftsidee handelt, wie Sie es aufbereiten und welchen Mehrwert die Crowd sehen kann (ideel, monetär, ...). Grundsätzlich finde ich Crowdfunding als gutes Instrument, wieder näher zusammen zu kommen: Produzent mit Konsument.

Status Quo beim Steigerl:

Die ersten Rückzahlungen wurden im 1. Quartal 2016 bedient. Es ist im ersten Jahr noch schwierig, da speziell im Lebensmitteleinzelhandel ein Stammkunden-Aufbau maßgebend für den weiteren Geschäftserfolg ist. Es wird noch sicher ein weiteres Jahr (oder etwas mehr) benötigen, um entsprechend stabil aufgestellt zu sein. Das Geschäft entwickelt sich gut und es macht Freude, dem steten kleinen "Vorankommen" zusehen zu können. Eine laufende Weiterentwicklung ist notwendig, um in dieser Branche langfristig am Ball bleiben zu können. 

Eröffnung

Der laufende Betrieb

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